Warum auf den Gipfel des Monte Generoso stürmen, wenn an der Mittelstation eine wilde, ästhetische und im Frühling einsame Landschaft wartet? Also raus aus der Zahnradbahn in Bellavista, rein in den Wald mit seinen noch kahlen Bäumen. Stamm reiht sich an Stamm, Äste recken sich wie Flammen in den Himmel, die Verästelungen sind je höher, desto filigraner. Die gräulich-braunen Baumstämme bilden einen Kontrast zum goldbraunen, von der Sonne erhellten Laub am Boden. Ein fröhliches Mosaik in warmen Farbtönen.
In einer solchen Waldpartie steht kurz nach dem Weiler Dosso Piatto ein «Nevère» – eine Schneegrotte. Der Zahn der Zeit hat schon ziemlich an dem runden Steinhaus mit schrägem Dach genagt. Hier kühlten die Bauern einst Milch, Butter und Käse. Denn die Hänge am Monte Generoso sind steil, die Sonne brennt im Sommer heiss, ein Transport von Waren ins Tal ist aufwendig. Und das Regenwasser versickert sofort im kalkhaltigen Gestein, weshalb eine Kühlung mit Wasser auch schwierig war.
So füllten die Bauern im Februar und März die zu zwei Dritteln im Boden liegenden Kühlkammern mit möglichst viel Schnee. Dieser schmolz im Alpsommer langsam dahin und sorgte für eine konstante Temperatur von sechs bis acht Grad in den Steinhäusern. Um die Nevère von der Sonne zu schützen, pflanzten die Familien Bäume rund herum, wie auch beim Kühlhaus auf dieser Wanderung. In seinem Innern führen einzelne Steintreppenstufen der Wand entlang in die Tiefe. Die Treppe verläuft im Uhrzeigersinn, damit die Älpler im Finsteren der Wand entlang hinuntersteigen und dabei die schweren Milchkannen in der rechten Hand in die Kühle tragen konnten.
Fast verlassene Alp
Auf der Alp Cascina d'Armirone lebte während zwei Jahrhunderten die Familie Piotti. Sie betrieb einen Gasthof, der 1979 abgerissen wurde. Immer noch da ist der Oratorio di Santa Maria Vergine Assunta mit einem auffälligen Rautendekor an der Fassade. Das Innere der kleinen Kapelle ist mit einem Altar und einem Wandgemälde schlicht gehalten. Den Schlüssel für einen Besuch erhält man in der nahen Osteria Peonia.
Die Sterne berühren
In einem gemütlichen Tiny House im Hochbett liegen und über sich die Sterne beobachten? Im zweistöckigen Momò Bellavista gibt ein Glasdach den Blick frei. Es liegt auf einer Lichtung nahe der Mittelstation Bellavista.
momobellavista.chDie Kraft der Breggia
Kurz vor Bruzella überquert der Weg die Breggia. Das Flüsschen hat sich eindrücklich in die Kalkschichten des Muggiotals eingefressen. Wer noch mag, wählt den alten Saumpfad flussaufwärts zur historischen Mühle von Bruzella. Sie verarbeitet den fürs Tessin typischen roten Mais zu Polentamehl (von April bis Oktober geöffnet).
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Den Frühling besuchen am Monte Generoso
Bevor die Bäume am Monte Generoso ausschlagen, gibt es in den Wäldern bereits ein Farbenspiel aus Braun- und Grautönen: Baumstamm steht neben Baumstamm, zu Hunderten ziehen sie sich in die Weite. Die Baumkronen darüber winden sich in den Himmel wie Flammen, zuoberst bildet sich ein Labyrinth aus kleinen Ästchen. Und trotzdem treffen Sonnenstrahlen direkt aufs tote Laub am Boden und lassen dessen warmes Braun stimmungsvoll leuchten. Die Wanderung beginnt an der Mittelstation der Standseilbahn, die auf den Monte Generoso fährt. Nach einem Startkaffee im Buffet Bellavista führt ein Waldweg hinunter zu einer Lichtung: Wer bereits am Vorabend anreisen mag, kann hier im Tiny House Momò Bellavista mit Fenster zum Sternenhimmel übernachten. Von hier geht es nach links weiter bis auf die Alp Cascina d’Armirone. Hier gab es früher einen Alpbetrieb mit Restaurant, geblieben ist nur die Oratorio di Santa Maria Vergine Assunta mit einem farbigen Rautendekor an der Fassade. Über einen Waldweg und ein Strässchen geht es nun über die Alpe di Castello nach Muggiasca, wo ein Waldpfad hinab ins Valle dei Pascoli sticht. Durch den Wald und an einigen Häuserruinen vorbeigehend, trifft man bald auf ein Nevère, ein rundes, zu zwei Dritteln in den Boden versenktes Steinhaus. Dieses füllten die Bauern im Frühling mit Schnee, um den ganzen Sommer hindurch Milch und Käse kühl lagern zu können. Bei der Alpe di Germania geht es steil hinunter nach Turro. Der Frühling hat hier schon stärker Einzug gehalten, es wird immer grüner. Bald sieht man auf der gegenüberliegenden Talseite Cabbio und erreicht alsdann das hübsche Dörflein Casima. Nun steigt man ganz ins Tal ab und überquert das Flüsschen Breggia, bevor es wieder hinaufgeht nach Bruzella. Wer noch mag, macht vor Bruzella einen kleinen Abstecher über einen alten Saumpfad zur Mulino di Bruzella. Die alte Mühle ist immer noch in Betrieb und hat von April bis Oktober geöffnet.