Soweit ich mich erinnern kann, ist es das erste Mal, dass ich eine Wanderung vor einem Häuserblock starte. Und nicht vor irgendeinem: Die ikonische Genfer Grosssiedlung Le Lignon wurde Ende der 1960er-Jahre erbaut und ursprünglich für nicht weniger als 10 000 Bewohner konzipiert. An der Tramhaltestelle vor dem Betongiganten, dessen höchstes Gebäude stolze 30 Stockwerke misst, peitschen dem Fotografen Sam Buchli und mir ein eisiger Wind und Nieselregen ins Gesicht. Wir ziehen die Kapuzen unserer Goretex-Jacken hoch und gehen dem gross gewachsenen, schlanken Mann entgegen, der uns lächelnd erwartet.
Womit sich Jean-Louis Johannides privat und beruflich beschäftigt, lässt sich schon an seinem Outfit erahnen: Unter der bergtauglichen Windjacke trägt er einen Bohemien-Wollpullover, mit dem er auch bestens in die Kulissen eines Theaters passen würde. Von unserem heutigen Begleiter erhalte ich sogleich eine topografische Karte im Standardformat, aber in einem knalligen Violett. Der nicht ganz gewöhnliche Wanderhelfer besteht aus zwei Teilen: einem Heft mit dem Titel «Présence des oiseaux» («Präsenz der Vögel») mit Texten des Schweizer Schriftstellers Jérémie Gindre sowie der eigentlichen Wanderkarte.
Als ich diese auseinanderfalte, schwappt mir sofort eine Fülle von Inhalten entgegen – schier jeder Zentimeter Papier, ob auf der Vorder- oder Rückseite, scheint ausgenutzt worden zu sein. Auf dem Untergrund der offiziellen topografischen Karte tanzen inmitten einer Explosion von Farben Zeichnungen und Kommentare der Künstlerin Annaëlle Clot mit praktischen Hinweisen, Informationen über die Pflanzenwelt oder auch poetisch-philosophischen Gedanken. Ohne grössere Schwierigkeiten gelingt es mir, den Ausgangspunkt unseres Ausflugs ausfindig zu machen, der über knapp elf Kilometer in etwa dreieinhalb Stunden bis zum Bahnhof Lancy-Bachet führt.