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Wanderreportagen

Sandsteinstadt

Lauben, Münster, Bundeshaus: In der Berner Altstadt ist fast alles aus Sandstein gebaut. Was heute die Stadt ausmacht, geht eigentlich auf eine Katastrophe zurück. Auf der Wanderung von der Agglomeration ins Zentrum lässt sich ein Blick in einen Steinbruch erhaschen, der noch immer in Betrieb ist.
28.02.2025 • Text: Reto WissmannBilder: Severin Nowacki
Blick auf die Berner Altstadt, Unesco-Welterbe

Der Ostermundigeberg ist ein Naherholungsgebiet mit ordentlichen Rastplätzen und dem üblichen Vogelgezwitscher im Hintergrund. Der Hügelzug vor den Toren der Stadt Bern hat es aber in sich – und zwar wortwörtlich. Nach einem kurzen Spaziergang von der Bushaltestelle durch den Wald taucht hinter den Bäumen plötzlich ein riesiger weisser Kran auf. Nähert man sich dem Ungetüm, steht man bald vor einem senkrechten Abgrund. Unten türmen sich ausgeschnittene Steinquader. Seit Jahrhunderten wird hier Sandstein abgebaut, der Berg Stück für Stück abgetragen.

Praktisch die ganze Berner Altstadt wurde aus Sandstein erbaut, der von hier, aus dem nahen Krauchthal und vom Gurten stammt. Entstanden ist der Berner Sandstein vor gut 20 Millionen Jahren, als das Mittelland noch von einem Flachmeer bedeckt war. Flüsse trugen den Erosionsschutt der Alpen in dieses Meer, und mit der Zeit bildeten sich mächtige Sedimentschichten. Durch Druck sowie Kalk als Bindemittel verfestigte sich das sandig-mergelige Material schliesslich zu einem feinkörnigen, homogenen Sandstein.

1,5 Millionen Kubikmeter

Der Wanderweg führt um den Steinbruch herum. Immer wieder sieht man zwischen den Büschen hindurch in die Tiefe. In einer längst nicht mehr für den Steinabbau genutzten Ecke wurde ein Reitplatz eingerichtet. Jugendliche verbringen hier ihre Freizeit, auf drei Seiten eingeschlossen von senkrechten Wänden, in denen noch die Umrisse jedes einzelnen Quaders zu sehen sind, die hier einst in mühsamer Handarbeit herausgehauen wurden. Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Sandstein sollen in den letzten 800 Jahren rund um Bern gewonnen worden sein. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts erleichterten Presslufthämmer, Schrämmmaschinen und Seilsägen die Arbeit der Schroter. Vorher hackten die meist ungelernten Arbeiter in 10-Stunden-Tagen die Blöcke mit Schrotpickel und Spitzeisen aus der Wand.

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Noch heute wird im Steinbruch von Ostermundigen Sandstein abgebaut.

Von unten her führt ein Strässchen rechts vom Wanderweg direkt in die Steinbrüche. Im alten Abbaugebiet gibt es heute eine Übungsanlage für Rettungshunde und einen grossen Grillplatz. Von hier aus kann das faszinierende Spiel von Licht und Schatten sowie Farben und Formen auf den Wänden und Quadern beobachtet werden. Wer meint, der Berner Sandstein sei nur grau, der irrt gewaltig. Er kommt in den verschiedensten Farbtönen von grünlich über gelblich bis bläulich vor. Der Steinhauer Urs Hauri erkennt allein anhand der Farbe, woher ein Stein stammt. In seinem Atelier mitten im Steinbruch gestaltet er Grabsteine und Gartenschmuck, ist aber vor allem gefragt, wenn in Bern wieder einmal eine Sandsteinfassade renoviert werden muss.

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Sandsteinbruch in Ostermundigen: Er war einst der grösste der Schweiz.

Stein mit angeschlagenem Ruf

Berner Sandstein ist porenreich, nimmt viel Wasser auf und ist somit nur mässig wetterfest. Als Baumaterial hat er deshalb heute nicht mehr den besten Ruf. Gelitten hat seine Reputation vor allem, als um 1918 die gesamte mit Berner Sandstein verkleidete Fassade des ETH-Hauptgebäudes in Zürich wegen übermässiger Verwitterung durch einen Kunststein ersetzt werden musste – lediglich 60 Jahre nach der Einweihung. Urs Hauri kann mit der Kritik allerdings nicht viel anfangen. Er kenne vierhundertjährige Sandsteinhäuser, die noch tipptopp im Stand seien. Wichtig sei, wie gebaut werde. Da hätten die Berner über die Jahrhunderte viel gelernt. Die teilweise weit vorstehenden Vordächer, die die Fassaden schützen und die zum Charme der Altstadt von Bern beitragen, sind ein Ausdruck davon. «Beton wird sicher nicht so lange halten wie Sandstein», sagt der Steinhauer.

Die Blütezeit des Berner Sandsteins begann eigentlich mit einer Katastrophe: 1405 vernichtete ein Feuer in der Stadt Bern rund 600 Häuser und tötete über 100 Menschen. An jenem verhängnisvollen Tag konnte sich das Feuer mit dem Wind ungehindert in der weitgehend aus Holz erbauten Stadt ausbreiten. Nach dem grossen Brand wurden Steinfassaden per Ratsbeschluss obligatorisch und die Stadt mit Sandstein wieder aufgebaut. Heute ist das ganze Ensemble Unesco-Weltkulturerbe, und das Sandsteinobligatorium gilt nach wie vor. Wird eine gegen eine öffentliche Strasse gerichtete Fassade saniert, darf nur Berner Sandstein verwendet werden, obschon zum Beispiel indischer wetterfester und günstiger wäre. Solchen Auflagen ist es zu verdanken, dass die Steinbrüche in Ostermundigen und Krauchthal noch in Betrieb sind.

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Typische Sandsteinfassade in der Berner Altstadt

Heute läuft der Abbau allerdings nur noch auf Sparflamme. Jährlich 1000 bis 1500 Kubikmeter baut die Firma Carlo Bernasconi AG aktuell in beiden Steinbrüchen ab. «Die Menge ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen», sagt Noemi Bernasconi vom Familienunternehmen. Dies habe auch damit zu tun, dass heute in der Stadt Bern an den Orten, wo es erlaubt ist, vermehrt mit Mörtel statt mit Naturstein renoviert werde. «Ein weicher Sandstein in einer harten Welt hat es eben nicht leicht», kommentierte einst eine Firma für Natursteine. Noemi Bernasconi hat die Hoffnung trotzdem nicht aufgegeben, dass irgendwann wieder einmal ein neues Haus aus Berner Sandstein gebaut wird.

«Beton wird sicher nicht so lange halten wie Sandstein.»

Urs Hauri, Steinhauer

Ostermundigen musste auf Rigi-Bahn warten

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Steinbruch in Ostermundigen der grösste der Schweiz, und der relativ günstige Stein wurde ins ganze Land verfrachtet. Vom Steinbruch bis zum Bahnhof Ostermundigen verkehrte damals gar eine Zahnradbahn. Sie war nach der Vitznau-Rigi-Bahn die zweite Zahnradbahn der Schweiz und hätte sogar als Erste in Betrieb gehen können, musste aus Prestigegründen aber warten. Noch heute steht eine Dampflokomotive als Erinnerung an diese Zeit im Ortszentrum.

Vom Steinbruch in Ostermundigen bis in die Altstadt von Bern führt eine einstündige Wanderung vorbei am Schosshaldefriedhof, wo diverse Berühmtheiten wie Paul Klee bestattet sind, vorbei am wellenförmigen Zentrum Paul Klee und dem Egelsee, einer beliebten Oase der Stadtberner. Vom Bärenpark aus sieht man dann schon die ganze Pracht der Berner Altstadt. Für manche haben die Sandsteinfassaden zwar etwas Aristokratisches und stehen sinnbildlich für Bern als Beamtenstadt. Doch schon Goethe rühmte die Stadt auf seinen Reisen als «die schönste, die wir gesehen haben», und lobte den «graulichen weichen Sandstein», aus dem alles gebaut war. Den Touristen aus aller Welt gefallen die Sandsteinfassaden heute ebenfalls ausnehmend gut. Fleissig halten sie die Details mit ihren Smartphones fest.

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Tipp

Der Berner Künstler Paul Klee war oft im Ostermundiger Steinbruch zu Besuch und liess sich von den Farben und Formen des Sandsteins inspirieren. Das Zentrum Paul Klee ist nun zwar nicht aus Sandstein, sondern aus Metall und Glas gebaut, für Inspiration ist aber auf jeden Fall auch hier gesorgt. Das Museum liegt direkt neben dem Wanderweg.

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Die sogenannte Luft-Station neben dem Zentrum Paul Klee.

Münsterspitze stammt aus Norddeutschland

Egal, welche Gasse man nach der Überquerung der Nydeggbrücke in Richtung Bahnhof nimmt, überall dominieren die mehr oder weniger gut erhaltenen Sandsteinfassaden. Besonders stechen dabei natürlich Prunkbauten wie Rathaus, Zytglogge, Kornhaus oder Heiliggeistkirche hervor. Überragt wird allerdings alles vom Münster, dessen Turm gut 100 Meter in den Himmel ragt und somit als höchster Kirchturm der Schweiz gilt. Auch hier zeigen sich wieder Fluch und Segen des Berner Sandsteins. Einerseits ist er sehr gut zu bearbeiten, was wunderbare Ornamente und Figuren zulässt, andererseits stellt die Verwitterung die Münsterbauhütte immer wieder vor Herausforderungen. Interessant ist, dass die Spitze des Turmes gar nicht aus Berner, sondern aus beständigerem Oberkirchner Sandstein aus Norddeutschland besteht. Im 16. Jahrhundert wurde der Turm nur bis auf eine Höhe von gut 60 Metern gebaut, die Spitze kam erst im 19. Jahrhundert dazu.

Als letzte Station der Sandsteinwanderung bietet sich das Bundeshaus an. Architekt Hans Wilhelm Auer soll zwar dem lokalen Baumaterial misstraut haben, hat dann aber doch die besten Qualitäten aus den umliegenden Steinbrüchen zusammengekauft und sie gezielt mit anderen Steinen kombiniert. Dabei achtete er aber nicht nur auf Dauerhaftigkeit, sondern auch auf Farbwirkungen. So sind die Fassaden des Bundeshauses heute zwar vorwiegend grau, bei genauerem Hinsehen offenbaren sich aber doch Farbnuancen. Sandstein ist eben nicht gleich Sandstein, und der Berner Sandstein ist halt doch noch etwas mehr als eine «verblasste Ikone der Patrizier-Architektur», wie ihn der einstige «Politerklärer der Nation» («Blick») und heutige Stadtführer Claude Longchamp einmal nannte.

Vom Sandsteinbruch bis zum Bundeshaus
Ostermundigen, Rüti — Bern, Kleine Schanze • BE

Vom Sandsteinbruch bis zum Bundeshaus

Bern ist zwar nicht auf Sand, aber weitgehend aus Sand gebaut. Praktisch für die ganze Altstadt und alle Sehenswürdigkeiten wie Münster, Zytglogge oder Bundeshaus wurde als Baumaterial der typische grünlich-graue Berner Sandstein verwendet. Abgebaut wurde er vor allem in Ostermundigen, in Krauchthal und am Gurten. Auf einer Wanderung von Ostermundigen bis auf die Kleine Schanze lassen sich nicht nur die Steinbrüche in der Agglomeration, sondern auch die schönsten Seiten der Stadt Bern entdecken. Los geht es an der Endstation der Buslinie 10 in Ostermundigen, Rüti. Schon hier stehen die Steinbrüche auf den Wanderwegweisern angeschrieben. Schnell verlässt man die Wohnquartiere und spaziert dann durch den Wald am Ostermundigeberg. Plötzlich taucht ein riesiger weisser Kran hinter den Bäumen auf, ein eindeutiges Zeichen, dass die Steinbrüche nahen. Von der Abbruchkante aus hat man einen guten Überblick über die Anlage. Rechts vom Wanderweg zweigt ein Strässchen ab, das in den Steinbruch führt. Auf dem kleinen Abstecher können manchmal die Arbeiten im Steinbruch beobachtet werden, zudem gibt es hier schöne Grillplätze. Nun zeigen die Wegweiser in Richtung Bern, Bärengraben. Der Wanderweg führt zunächst durch Ostermundigen, Hubel, dann vorbei am Schosshaldenfriedhof bis zum Zentrum Paul Klee und weiter zum Egelsee. Die idyllische Oase mitten in der Stadt ist bei Familien beliebt. Am unteren Ende gibt es eine trendige Kaffeebar. Durch ein altes Villenquartier verläuft der Weg hinunter zum Bärenpark und über die Aare hinein in die Altstadt. Jetzt kann man sich einfach treiben lassen, bis man irgendwann am Bahnhof landet. Oder man verbindet zum Abschluss der Stadtwanderung die (Sandstein-)Monumente Münster, Zytglogge und Bundeshaus und macht es sich schliesslich auf der Kleinen Schanze gemütlich.

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